(You can find the English version here) Wir haben uns mit Christian Milan, dem Gründer und Geschäftsführer der M3E GmbH, an einem sonnigen, aber kalten Apriltag in der Torstraße in Berlin zum Interview verabredet. Es gibt viel zu besprechen: M3E feiert den fünften Geburtstag! Grund, die Jahre Revue passieren zu lassen, über die derzeitige Lage zu sprechen und einen Ausblick auf die Zukunft zu wagen.
Interviewer: Hallo Christian, wir möchten mit einem herzlichen Glückwunsch zu M3Es fünftem Geburtstag beginnen! Wir hoffen, Ihr habt den Geburtstag ordentlich begangen?
Herzlichen Dank, für mich ist das immer noch unfassbar: Sollen das wirklich schon fünf Jahre sein? Unglaublich! Wir haben das Jubiläum natürlich ordentlich gefeiert, das versteht sich von selbst und musste selbstverständlich auch trotz der derzeit – gelinde gesagt – schlechten Lage, in der sich die Mobilitätswende in Deutschland gerade befindet, sein.
Geburtstag in schwierigen Zeiten
Du hast uns ja beim letzten Mal schon viel über Deine damaligen Beweggründe erzählt, M3E überhaupt zu gründen. Lass uns dieses Mal also gleich in medias res gehen und uns die erwähnte schwierige Lage anschauen… (Unterbricht) Ja, das ist mir sehr recht, haken wir das ab und gehen dann zu angenehmeren Themen über! Kurz zusammengefasst lässt sich zurzeit in Deutschland auf die Elektromobilität bezogen ganz eindrücklich beobachten, was mit einem Hochlauf passiert, wenn ihm die staatliche Unterstützung bzw. Incentivierung entzogen wird: Er geht in Stagnation über. Genau das ist nämlich nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vergangenen November passiert (Wir haben darüber hier ausführlich berichtet, Anm. d. Red.). Um das in dessen Folge entstandene Haushaltsloch zu stopfen, sind u.a. inzwischen vier meines Erachtens absolut essenzielle Förderprogramme des Bundes für Elektromobilität und Ladeinfrastruktur eingestellt worden.
Welche Programme sind das genau?
Drei der vier eingestellten Programme fokussierten jeweils auf ein Fahrzeugsegment, es wurden jeweils E-Autos, E-Lkw, und E-Busse gefördert. Zuerst ist schon im Dezember 2023 der Umweltbonus, die Förderung für E-Autos, abrupt gestoppt worden, nachdem sie im September bereits auf Privatpersonen beschränkt worden war und Unternehmen fortan von der Förderung ausgeschlossen waren. Darauf folgte im Februar 2024 die Einstellung des KsNI-Programms, über das der Bund in den bisherigen zwei Förderaufrufen seit 2021 E-Nutzfahrzeuge und deren Ladeinfrastruktur massiv gefördert hat.
Schon allein bei diesen beiden Förderprogrammen konnte unser Antragsservice für unsere Kund:innen seit 2019 erfolgreich über 105 Millionen Euro beantragen, eine beachtliche Summe, wie ich finde.
Gleichzeitig wurde auch die Bundesförderung für E-Busse eingestellt und kürzlich folgte ein Programm zur Förderung gewerblicher Schnellladeinfrastruktur.
Was sind nun die genauen, aus den Einstellungen der Förderprogramme resultierenden Konsequenzen?
Die Konsequenzen waren verständlicherweise sofort ersichtlich und zwar zunächst im Aufkommen einer großen Unsicherheit in Bezug auf Elektromobilität – und zwar weit über die Branche hinweg in die gesamte Gesellschaft hinein. Klar, einerseits wurden von der Bundesregierung hehre Ziele für 2030 gesetzt – fünfzehn Millionen E-Autos und eine Million öffentliche Ladepunkte –, andererseits wurden diesen Zielen dann mit der Einstellung der Programme selbst Beine gestellt. Wer soll die Ziele so noch ernst nehmen? Es ist hier meiner Meinung bei den Nutzenden ein großer Schaden entstanden, der einen großen Vertrauensverlust in die Elektromobilität mit sich bringt. Das schlägt sich natürlich in den Neuzulassungszahlen nieder, die seit Januar 2024 sofort und massiv gesunken sind. So massiv, dass Deutschland einer neuen CAM-Studie zufolge bereits die Position als Leitmarkt in Europa an Großbritannien verloren hat. Jüngste Prognosen gehen bis 2030 auch nur noch von etwa 10 Millionen E-Autos auf deutschen Straßen aus und auch diese Zahl wird unter einem Anhalten der derzeitigen Bedingungen nicht erreichbar sein.
Und der Nutzfahrzeugbereich?
Wir sind in diesem Bereich sehr gut vernetzt und hätten im schon angekündigten dritten Förderaufruf des KsNI-Programms, der dann 2023 immer wieder verschoben und schließlich ganz abgesagt wurde, wieder viele Anträge für unsere Kund:innen gestellt und hohe Fördersummen beantragen können.
Besonders hier macht sich großer Unmut breit: Es wurde nämlich mit der CO2-Differenzierung bei der Lkw-Maut ein negativer Anreiz für den Umstieg auf E-Lkw geschaffen, dessen Komplementierung durch einen positiven Anreiz im Zuge der Einstellung von KsNI dann aber ausblieb. Transport- und Logistikunternehmen ächzen also entweder unter den hohen, nicht geförderten Kosten für die Anschaffung der E-Lkw sowie insbesondere der dazugehörigen Ladeinfrastruktur oder eben unter den erhöhten Mautkosten für ihre Diesel-Lkw. Ich konnte diesen Unmut erst kürzlich auf der Handelsblatt Jahrestagung Nutzfahrzeuge 2024 in München live miterleben. Ich bin trotzdem hochgradig beeindruckt, wie die meisten Unternehmen dennoch alles geben, um ihren Beitrag zur Mobilitätswende auch ohne staatliche Incentivierung zu leisten – das macht Mut!
Mit Anpassungsfähigkeit und Innovation in die Zukunft
Also ein Geburtstag in schwierigen Zeiten! Nutzen wir den letzten Satz, um den Blick in Richtung Zukunft zu lenken: M3E ist ein Beratungsunternehmen für Elektromobilität, das nicht zuletzt mit der Expertise im Bereich Fördermittel punktet. Wie steuert ihr genau gegen?
Das ist korrekt, wir haben 2019 mit der Implementierung einer Förderdatenbank für den europäischen Raum begonnen. Wir kommen also ursprünglich aus dem Fördermittel-Bereich und haben in der Folgezeit schnell den schon erwähnten Antragsservice für die Fördermittel ins Leben gerufen.
Inzwischen betreiben wir mit unserer “Europaweiten Fördermittel-Datenbank” die meines Wissens nach umfassendste Fördermitteldatenbank auf dem europäischen Markt und haben seit 2019 für inzwischen 21 europäische Länder rund 274 Förderprogramme für Fahrzeuge, 180 für Ladeinfrastruktur und über 200 weitere Anreize (Steuer- und nicht monetäre Anreize) für den Umstieg auf E-Mobilität erfasst. Das ist enorm! Die Datenbank wird kontinuierlich gepflegt, ausgebaut und unseren Kund:innen zur Verfügung gestellt. Sie findet natürlich auch Einzug in unsere zahlreichen Beratungen zum Umstieg auf Elektromobilität, so etwa im Zuge unserer beliebten Elektrifizierungskonzepte. Auf den deutschen Markt bezogen haben wir mit ihrer Hilfe selbstverständlich den enormen Vorteil, unseren Kund:innen auf Knopfdruck auch alle Fördermittelprogramme auf Länder- und Kommunalebene empfehlen und problemlos in unsere Elektrifizierungskonzepte einfließen lassen zu können.
Es gibt also Alternativen zu Bundesförderungen?
Die gibt es. Nach dem Wegbruch der Bundesförderungen ist der Einstieg in die Elektromobilität immer noch effizient mit der Unterstützung durch einige verbleibende Förderprogramme auf Länder- und Kommunalebene möglich. Das große Problem dabei ist nur, dass die deutschen Fördermittellandschaft hochgradig dynamisch und unübersichtlich ist und deshalb oftmals schlicht das Wissen über die entsprechenden Programme fehlt. Die E-Projekte werden deshalb von den Unternehmen nicht angegangen, die Fördermittel teilweise nicht abgerufen. Seit Februar sind wir aus diesem Grund mit zwei Whitepapers an die Öffentlichkeit getreten. Das eine fasst alle alternativen Fördermittelprogramme zum KsNi-Programm übersichtlich zusammen, das andere alle Alternativen zur Bundesförderung für E-Busse. Wir zeigen demnach Ausweichmöglichkeiten auf Länder- und Kommunalebene auf und stellen dieses Wissen kostenfrei zur Verfügung. Darüber hinaus stellen wir aber unser umfassendes Fördermittelwissen mit dem M3E Fördermittel-Alert ausnahmslos allen Unternehmen jeder Branche und Größe auch aktiv zur Verfügung und liefern alle Informationen bequem direkt ins Postfach. Mit diesem bisher vollkommen einzigartigen Alert verpassen Unternehmen keine Fördermittel mehr und können auf der Basis unserer auf ihr Suchprofil zugeschnittenen Informationen entscheiden, welche Fördermittel sie wann für ihre Vorhaben beantragen wollen.
Ihr seid ja sehr breit aufgestellt: Wie steuert ihr in den anderen M3E-Bereichen gegen?
Ja, das sind wir. Im Hinblick auf Consulting richten wir gerade unsere Beratungstätigkeiten über den deutschen Markt hinaus stark gesamteuropäisch aus und spezialisieren uns in diesem Zuge auch immer mehr auf Umflottungsberatungen internationaler Flottenbetreiber. Wir beraten hier zunehmend zum großen Thema “ESG” (Environmental Social Governance) und schlüsseln einzeln auf, was die dortigen Auflagen für die einzelnen Unternehmen jeweils genau bedeuten, um sie dann im Zuge von Strategieberatungen für CO2-neutrale Flotten einzufangen.
Darüber hinaus sind wir nach wie vor im Bereich THG aktiv…lasst uns aber bitte nicht auch noch über den Zustand des THG-Quotenmarkts sprechen …(lacht).
Nicht zuletzt machen wir immer noch sehr erfolgreich und immer internationaler PR für andere Unternehmen, die ebenfalls mit E-Mobilität, aber auch anderen nachhaltigen Antriebssystemen sowie erneuerbaren Energien zu tun haben. Wir entwickeln diesen Unternehmen vor allem Marketingstrategien und beraten sie bei allen relevanten Prozessen.
Um die Frage also breit zu beantworten: Wir steuern mit unserem Wissen und mit unseren innovativen Produkten und Services gegen, die in all unseren Bereichen ineinandergreifen und auf diese Weise erhebliches Potenzial entfalten. Unser Ziel besteht natürlich unverändert darin, die großen Herausforderungen der Mobilitätswende für unsere Kund:innen und uns in Chancen zu verwandeln, die wir gemeinsam wahrnehmen und von denen wir gemeinsam profitieren.
Dabei wünschen wir Euch viel Erfolg! Worauf bist Du in Hinblick auf M3E besonders stolz?
An erster Stelle natürlich auf das großartige M3E-Team, ohne das die fünf Jahre nie erreicht worden wären. (Grinst) Dem Team haftet eine Haupteigenschaft an, die ganz M3E definiert: unsere Anpassungsfähigkeit! Die Elektromobilität ist ein Wirtschaftszweig, der – wie schon erwähnt – oftmaligen Schwankungen und Unsicherheiten ausgesetzt ist und daher die Fähigkeit zur schnellen Anpassung an neue Bedingungen voraussetzt. Das können wir sehr gut und wir beweisen es auch immer wieder mit unserer Innovationsfähigkeit, die zum großen Teil durch den Einsatz und die Weiterentwicklung unserer digitalen Lösungen ermöglicht wird. Wenn ich etwa daran denke, wie schnell wir zu Anfang 2022 M3E THG-Quoten aus dem Boden gestampft und an den Markt gebracht haben, habe ich heute noch Gänsehaut. Es warten in der nahen Zukunft generell viele neue Produkt- und Serviceideen, über die ich hier natürlich noch keine genaue Auskunft geben kann, die unser Innovationstalent aber erneut hinreichend unter Beweis stellen werden. Man kann also gespannt bleiben!
Der Blick zurück nach vorn
Das hört sich gut an, wir drücken die Daumen! Wenn Du noch einmal zusammenfassend auf die letzten fünf Jahre schaust: Wie werden die nächsten fünf wohl für M3E und die Elektromobilität generell aussehen?
Zunächst: Die aktuelle Lage ist natürlich bedrückend und es kann darüber der Eindruck entstehen, dass die Elektromobilität auf einem absteigenden Ast ist oder eingeht. Aber m.E. ist trotz der schweren Zeit das Gegenteil der Fall! Wenn ich auf 2019 zurückblicke, dann ist das Erreichte sehr beeindruckend: Damals fuhren in Deutschland ungefähr 100.000 E-Autos (BEV), heute sind es ca. 1,4 Millionen. Es gab 2019 ca. 24.000 öffentliche und halb-öffentliche Ladepunkte, heute sind es ca. 120.000. Die Anzahl der verfügbaren unterschiedlichen Fahrzeugmodelle in jedem einzelnen Fahrzeugsegment und in jeder -klasse ist explodiert, die Weiterentwicklung der Batterietechnologie und deren Auswirkung auf die Reichweite führt zu immer größeren Entfernungen, die mit einer Batterieladung zurückgelegt werden können. Deutsche und europäische Gesetzgebungen und Verordnungen sorgen für den Rahmen, in dem sich die Entwicklung bis 2035 und darüber hinaus bewegen soll.
Gleiches zeigt sich auch für M3E: Wir haben mit einem Großkunden angefangen und dürfen heute zahlreiche weltweit operierende OEM und andere Unternehmen unsere Kunden nennen. Wir sind in mehreren europäischen Ländern aktiv und haben starke Verbindungen nach Nordamerika. Überall dort stehen wir Unternehmen, Institutionen und Einzelpersonen mit unseren Beratungsservices und -produkten erfolgreich zur Seite und ermöglichen ihnen einen reibungslosen Einstieg in die Elektromobilität bzw. deren effiziente Ausweitung.
Die Zeit ist für uns seit 2019 wirklich gerast: Der Start mit einer verkauften Fördermittel-Datenbank kommt mir wie gestern vor. Was wir seither alles geschafft und geschaffen haben, ist unglaublich – genauso unglaublich wie die Fortschritte in der Branche selbst: Das hätte ich 2019 niemals gedacht! Wenn ich anhand des Rückblicks nach vorne blicke, erscheint mir in Hinblick auf 2030 und 2035 entscheidend, das bisher rasante Tempo nicht nur weiterzufahren, sondern massiv zu beschleunigen… wir bei M3E sind dazu mehr als bereit, auch wenn – oder gerade weil – in Deutschland zur Zeit beide Füße politisch bedingt auf der Bremse stehen… Ich empfehle deshalb dringend, alle staatlichen Fördermaßnahmen für den Kampf gegen den Klimawandel (wieder) massiv auszuweiten, die Bürokratie – v. a. im Bereich der Genehmigungsverfahren für Ladeinfrastruktur und Netzanschlüsse – abzubauen und natürlich einen klaren und vor allem verlässlichen Fahrplan vorzustellen, der Unternehmen Sicherheit und eine klare Richtung vorgibt. Ich will nicht derjenigen Generation angehören, die als Generation in die Geschichte eingeht, den Klimawandel nur halbherzig aufgehalten zu haben, weil sie darauf verzichtet hat, alles Menschenmögliche dagegen zu tun.
Wir danken ganz herzlich für das Gespräch und wünschen M3E weiterhin alles Gute und viel Erfolg für die Zukunft!
Ich habe zu danken! Ich möchte abschließend die Gelegenheit noch dazu nutzen, mich im Namen des gesamten Teams für das in uns gesetzte Vertrauen unserer Kund:innen und die gute Zusammenarbeit zu bedanken! Wir sind auch in den kommenden Jahren bestrebt, mit ihnen die Mobiltätswende voranzubringen!